Großprojekte – Limit der Vernunft

Das Großprojekt Ulmer Münster dauerte 513 Jahre. In seiner heutigen Form wurde er 1890 eröffnet und ist seitdem der höchste Sakralbau der Welt. Die erste Bauphase von 1377-1543 war geprägt von Größenwahn und Fehlplanungen. Die diversen Baumeister wollten immer höher hinaus und brachten schließlich die Statik des Gebäudes ins Wanken. 1492 folgte daher notwendigerweise der Abriss der beiden Seitenschiffe. Noch heute ist an den Wänden zu den Seitenschiffen das Ausmaß der Fehlberechnungen sichtbar. Getragen wurde das Projekt von den Bürgern Ulms selbst, denen 1543 nach allem Hin und Her schlussendlich das Geld ausging.

Großprojekte: Zum Scheitern sind sie nicht verurteilt, aber sie kosten in 9 von 10 Fällen mehr als kalkuliert und dauern länger als gedacht. Die Studie zweier Oxford-Professoren, die das belegt, kommt für zahlreiche Großprojekte zu spät, auch für den Berliner Flughafen BER. Und wo wir bereits über notwendige Abrisse wegen Fehlplanung gesprochen haben: Aktuell wird „geprüft“ – wir zeigen gleich noch, was das heißen kann – ob eine Entkernung günstiger sei als ein Umbau.

Die Studie von Bent Flyvbjerg und Cass R. Sunstein zu Großprojekten setzt auf einem Phänomen auf, das beim Ulmer Münster beobachtet werden kann: „Es ist noch immer gut gegangen.“ Mit dieser Einstellung sind Großprojekte in der Geschichte überhaupt erst genehmigt worden. Hindernisse werden dabei systematisch marginalisiert. Sollten sie doch einmal entstehen, wird auf eine produktive und positive Eigendynamik gesetzt. Diese wird die „wohlwollende unsichtbare Hand“ genannt, in Anlehnung an Adam Smith‘ unsichtbare Hand, die den Markt reguliert. Die namensgebende deutsche Studie aus den 50er Jahren argumentierte, dass die innovative Kraft der Vernunft alles ins Lot bringen würde. Der Gegenbeweis wird mit mehr als 1.200 Datensätzen von Großprojekten erbracht. Damit  ist die Oxfordstudie nach Eigenaussage die umfassendste für Großprojekte seit den 50ern.

Die bisherige Forschung setzte zur Legitimierung der wohlwollenden Hand auf die Unterschätzung der menschlichen Vernunft. Die Prüfung von Kosten, Bauplänen, Zeitaufwand und Personal von Projektentwicklern steht zum einen unter dem Einfluss, sich gegen Mitbewerber durchzusetzen. Es ist einleuchtend, dass alles ein bisschen rosiger gemalt wird, als man es erwarten würde. Andererseits kalkulieren Projektentwickler mit positiven Zukunftsentwicklungen im Bereich der Technik, die Kosten senkt, und/oder bisher unterschätztem Wertsteigerungspotenzial des Projektes selbst. Dazu gehört, dass Projektentwickler auf gut abgewickelte Projekte verweisen. Diese positiven Referenzen dienen der Verkaufsförderung und, wie die Studie zeigt, als psychologische Selbstüberzeugung für Entscheidungsträger.

Hier kommt das Phänomen der systematischen Marginalisierung ins Spiel. Selbstüberlistung und persönliche Motivation von Entscheidungsträgern seien das psychologische Fundament jedes Großprojektes. Einer rationalen Prüfung hätte ein Großteil der 1.200 Projekte nicht Stand gehalten. Die Studie zeigt sogar das Gegenteil auf: Die „fiese Hand“ (Malevolent Hiding Hand) überwiegt die wohlwollende Hand. Überschätzung von Wertsteigerung und technischer Innovation läge bereits in der ersten Planungsphase vor. So seien die Kosten sehr oft höher und der Gewinn oft niedriger als kalkuliert. Nach Bereinigung von Ausgaben und Gewinnprognose liegt die Diskrepanz zur ersten Planungsphase im Schnitt bei 255%. Die Kosten betragen in der Regel also das 3,5-fache der ursprünglichen Planung.

So erschreckend diese Studie für Großprojekte ist, sie verweist auf ein grundsätzlich positives Menschenbild. Die Grundannahme, dass die innovative Kreativität des Menschen Hindernisse zu überwinden vermag, wird von allen Seiten akzeptiert (Projektentwickler und Auftraggeber), nicht hinterfragt und bildet den Nährboden für tatsächliche Innovation. Ohne diese Annahme und deren bisherige theoretische Rechtfertigung wären großartige Projekte in einer marktorientierten Gesellschaft wohl nie entstanden. Insofern kommt die Studie der Oxford Professoren für manches Großprojekt zu früh.

Bildinformation:

File:Luftbild Flughafen Berlin Brandenburg 02.jpg
Lizenz: CC BY 3.0

Von | 2015-10-05T11:47:24+00:00 5. Oktober 2015|Stadtperspektiven|0 Kommentare

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