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Modulares Bauen – Trend für Trends?

Modulares Bauen statt epochales Monument? Seien wir doch einmal ehrlich, den Pullover von 2012 tragen wir heute aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr. Seit mehr als 200 Jahren, genauer seit dem Ende der Französischen Revolution, gibt sich die Mode saisonal die Klinke in die Hand. Damals war es der bürgerliche Geist, der wegen des einstigen Pomps der verhassten Fürsten bei den Männern eine Ablehnung gegen jede Form von Extravaganz auslöste. Der einzig zulässige Ausdruck ihres Wohlstands war die Bekleidung der Frau. Aus dieser Zeit stammt die Anzugpflicht für den Herrn und das Abendkleid-Muss für die Frau auf repräsentativen Events.

Heute gibt es Sommer- und Winterkollektionen im Jahrestakt, auch Technikmoden werden in kleinen Intervallen inszeniert und erscheinen zu den großen Schenkevents. Beim Bauen aber setzt man noch immer vornehmlich auf dauerhafte Lösungen, dabei könnte das Bauen nach Moden einen Marktvorsprung bedeuten. Nach der Mode heißt hier, dass das Bauen auf Lebenstrends reagiert und sich flexibel auf wechselnde Ansprüche einstellen lässt.

Zurzeit erleben Metropolregionen einen großen Aufschwung, doch wie sieht es in 15 Jahren aus, wie in 30? Hat sich die Mode verändert? Hat sich die Arbeit verändert? Die großen und akuten Herausforderungen, vor denen Berlin steht, bieten eine gute Gelegenheit, einmal die Wirtschaftlichkeit und Praxis des modularen Bauens auf die Probe zu stellen. Der Zustrom von Menschen – ob Studenten, Jetsetter, Lifestylenomaden, Geflüchtete oder die internet working class – sie alle brauchen ein Plätzchen zum Leben. So schnell wie der Mensch in den Flieger steigt oder die Berliner Technikindustrie und Startup-Szene expandiert, lassen sich keine herkömmlichen Wohnungen errichten. Für diese Menschen einen Ort zu finden, ohne andere zu verdrängen, das könnte modulares Bauen leisten. Von der schnellen Lösung könnte die Stadt profitieren. Die zeitnahe und temporäre Integration von kreativen Köpfen, qualifizierten Arbeitern oder schlicht Arbeitswilligen könnte ein wirtschaftlicher Pluspunkt für die Stadt sein.

Parallel dazu verstummen die Rufe nach billigen Lösungen nicht. Auf der einen Seite sind es die städtischen WBGs, die nach schnellen und günstigen Ventilen Ausschau halten, um Druck vom Wohnungsmarkt zu lassen. Auf der anderen Seite sind es große Investoren, die vor einer allzu schnellen und unkalkulierbaren Monumentalbebauung von Grundstücken zurückschrecken. Teils weil Bau- und Grundstückskosten so hoch sind, teils weil sich natürlich die Frage nach zukünftigen Abnehmern stellt. Berlin ist nicht New York oder London.

Der Vorteil beim modularen Bauen wäre, dass die Baukosten geringer sind als beim herkömmlichen Bauen, was die Entscheidung erleichtern könnte, ein Grundstück für den Moment zu entwickeln. Soll es einmal umgenutzt werden bzw. ist die Bewirtschaftung nicht mehr rentabel, sind die Rückbaukosten ebenfalls gering und die Materialien können wiederverwertet werden. Ermöglicht wird dies durch industrielle und automatisierte Massenanfertigung von vorgefertigten und identischen Bauelementen, die sich aber individuell zusammenstecken lassen. Wer jetzt allerdings ausschließlich an Plattenbauten denkt, kann sich einmal unter dem #modulararchitecture tummeln. Fassade und Innenräume lassen sich immer noch einzigartig gestalten. Wenn nun der Berlin-Trend ein Ende hat, die Zahlen ein wenig stagnieren, wäre der Rückbau von Neubauten eine gute Lösung, um das Angebot wieder zu verknappen und somit die Preise konstant zu halten.

Eine weitere Mode ist, sich bis ins hohe Alter nicht binden zu wollen. Berlin ist die Hauptstadt der Singles und der Einpersonenhaushalte. Jeder zweite Berliner und Berlinerin lebt alleine. Die Durchschnittswohnungsgröße in Berlin beträgt ca. 65 m², doch gebaut werden Wohneinheiten mit mehr als 90 m². Wie es zukünftig um das Zusammenleben bestellt ist, taucht kaum in Studien für den Wohnungsneubau auf. Als soziale Seismografen müssen sich Immobilieninvestoren und Projektentwickler gar nicht profilieren, sie könnten Trends durch modulares Bauen indirekt antizipieren. Wenn Bestandswohnungen und Lebensstil nicht mehr kompatibel sind, wird einfach und kostengünstig umgebaut. Heute aber planen Projektentwickler hauptsächlich individuelle und einzigartige Stadtquartiere und das massenweise. In jeder erdenklichen Baulücke entsteht das besondere Lebensgefühl. Aber eben nur aus dem Jahr 2015. Wo ist der Blick auf die Mode als Mode und das Verständnis für das Vergängliche?

Dennoch, modulares Bauen ist nicht beliebt, warum auch immer. Möglicherweise gibt es ästhetische, finanzielle, bauliche oder energetische Bedenken. Doch all diese Punkte könnten entkräftet werden. Am modularen Bauen wird schon seit dem Dessauer Bauhaus-Tagen geforscht und designt. Das erste Projekt dieser Art wurde bereits im 19. Jahrhundert unternommen. Der Crytal Palace zur Londoner Weltausstellung 1851 wurde in vier Monaten errichtet und hatte eine Grundfläche von ca. 76.000 m².

Von | 2018-02-23T14:48:13+00:00 27. Dezember 2015|Stadtperspektiven|0 Kommentare

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