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Energetische Sanierung & Eigenverantwortung

Bauherren und Eigentümer müssen ab jetzt nach der aktuellen EnEV 2014 bauen bzw. nachrüsten. Bedenkt man, dass rund ein Drittel des deutschen Energieverbrauchs auf das Wohnen entfällt, kommt man zu dem Schluss, dass die Intensivierung der Einsparmaßnahmen sinnvoll ist. Erst im Dezember haben sich die Vereinten Nationen im Angesicht des Klimawandels in Paris hohe Ziele gesetzt. Die energetische Sanierung an sich ist eine gesellschaftliche Verantwortung gegenüber der gesamten Welt. Beginnt man von dort oben auf die Verordnungen der EnEv zu schauen, ergibt sich ein kritisches Bild aus Effizienz, Kosten und Eigenverantwortung jedes Wohnenden.

Bisher gibt es wenige aussagekräftige und unabhängige Langzeitstudien und Modelle zur energetischen Sanierung. Größere Bekanntheit unter den Verantwortlichen und Entscheidungsträgern, Eigentümern im Großen und Kleinen, erlangte die Studie des Kreditinstitutes für Wiederaufbau (KfW). Bereits 2013 hat sie die Wirtschaftlichkeit des energetischen Neubaus und Sanierens widerlegt. Die Kosteneinsparung beim Energieverbrauch spielt die Investitionskosten nicht wieder ein. Die Studie ist nicht unumstritten und das Fraunhofer-Institut für Bauphysik (FIB) zum Beispiel weist Pauschalurteile als kontraproduktiv zurück. Die Wirtschaftlichkeit müsse im Einzelfall geprüft werden. Umso interessanter, dass die teilstaatliche Förderinstitution für energetische Sanierung und Neubau die Studie veranlasste und so ehrlich mit dem Ergebnis umgeht. Mit den sogenannten KfW-Häuser-Standards unterstützt das Institut unterschiedliche energetische Standardsanierung und Neubauten, die durch die Gesetzgebung gefordert werden. Je höher der Standard desto mehr Geld fließt.

Mit dem neuen Jahr läuft das bisherige KfW70 Förderprogramm aus, das einen bestimmten Standard unterstützte. Hier nun spielt eine andere Studie hinein, die unterschiedliche Standards beim Sanieren im Bestand untersuchte. Wir ziehen sie hier als die geforderte Einzelfallbetrachtung heran, auch wenn nichts über die Kosten gesagt wird, sondern nur über die Effizienz.
Die RWTH Aachen hat in Karlsruhe drei identische Mehrfamilienhäuser mit je 30 identischen Wohnungen aber drei unterschiedlichen Sanierungsstandards in einer Langzeitstudie untersucht. Die Standards waren ein Passivhaus, ein „3 Liter-Haus“ und das, was die Studie indifferenterweise „Standardsanierung“ (Laut Homepage nach EnEv 2009) nennt. Unter dem Strich stieg die Abweichung von der erwarteten Primärenergieeinsparung mit dem je höheren Standard. Beim Passivhaus, dem höchsten Standard, waren 84% Einsparungen erwartet worden, erreicht wurden lediglich 58%. Das Phänomen, dass unterstützende Technologien am Ende zu einer schlechteren Gesamtperformance führen, nennt sich „Rebound Effekt“. Der Untersuchung dieses Phänomens ist die Studie gewidmet.

Die Abweichung von der normierten Erwartung, die entsprechend durch die DIN kalkuliert wurde, hat mehrere Ursachen. Der wesentliche Faktor sind die Mieter und ihr individuelles Verhalten. Bereits andere Studien haben belegt, dass die über eine DIN ermittelte Primärenergieeinsparung nicht die Realität widerspiegelt. Es gibt sparsame Mieter, die den erwarteten Energiebedarf je Quadratmeter vor der Sanierung unterschreiten und verschwenderische Nutzer, die ihn auch nach der Sanierung noch maßgeblich überschreiten.

Des Weiteren geht es nicht nur um Sparsamkeit und Verschwendung. Die individuelle Lebensweise der Mieter durchkreuzt ebenfalls die Erwartung. Manch einer lüftet öfter als andere, ein anderer mag die Wohnraumtemperatur drei Grad wärmer oder kälter, einer ist bereits Rentner und den ganzen Tag daheim, der andere arbeitet Vollzeit und ist nur zum Schlafen und am Wochenende in seiner Wohnung. So lässt sich die angemessenste Variante der energetischen Sanierung für ein Mehrfamilienhaus schwer kalkulieren und wäre beim nächsten Umzug auch hinfällig.

Die „Standardsanierung“ der Studie spart im Übrigen 64% des Primärenergiebedarfs ein. Laut Studie waren die wichtigsten Maßnahmen, die schlichte Wärmedämmung der Fassade und die Unterbrechung von Wärmebrücken. Auf diese Weise erzielte die WBG, mit der die Studie zusammen entwickelt wurde, das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis. Es müsste allerdings irgendwann nachgerüstet werden, wenn Technologien günstiger und verlässlicher sind und sich die Mieter vielleicht mehr an das neue Wohnen gewöhnt haben.

Es bleiben das Passivhaus und seine Mieter. Die kalkulierte 84% Einsparung würde das Klimaziel bis 2050 bereits heute erreichen. Allein die Bauart und Art und Weise der Einsparungsmöglichkeiten holt die Menschen in Mehrfamilienhäusern nicht da ab, wie und wo sie leben. Umfragen und die Studie der RWTH Aachen haben gezeigt, dass die Anforderungen an die Mieter hier besonders hoch sind. Die neue Art die Wohnräume, Heizungen und Fenster zu benutzen, muss jedem (neuen) Mieter kommuniziert werden. Im Falle der Karlsruher WBG reichten die Einführungen in die Haustechnik am Ende nicht aus, um dem gewünschten Ergebnis nahe zu kommen. Das Passivhaus alleine sichert nicht die Energiewende.

Die Studie der RWTH Aachen legt den Schluss nahe, dass die aufwendigste und technologisch neuste Variante der Energieeinsparung in der Praxis nicht immer die gewünschten Ergebnisse liefert. Die Einsparung zwischen 58%-66% nach der Sanierung, die durch die drei Typen realisiert wurde, liest sich dennoch sehr positiv. Es kommt lediglich auf die Wahl der Waffe an, mit der man dem Energieverbrauch an den Kragen geht. Wenn aber das KfW bestimmte Förderstandards aus dem Programm nimmt, wird die Wahl einer bestimmten Waffe finanziell unattraktiv. Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik gab bereits 2013 die Handlungsempfehlung, eine nicht an spezifische Technologien gebundene Energiewende voranzutreiben. Auf welche Weise also die geforderte Einsparung von 80% erreicht wird, sollte bei der Förderung und gesetzlichen Regulierung gleichgültig sein. Somit ließe sich die Energiewende besser an das individuelle Wohnverhalten anpassen. Das müsste dafür aber zunächst ausgiebig analysiert werden.

Damit käme wir zurück zur vergangenen Klimakonferenz und der allgemeinen Verantwortung, den Kosten und Nutzen. Zu bedenken wäre, dass schon heute sparsame Mieter in Kombination mit der Standardsanierung die erwartete Einsparung um nochmals 20-40% reduzieren. Wer seine Mieter über das teure Passivhaus aufklärt, um in die Nähe der Erwartung zu gelangen, kann die Mieter der standardsanierten Mehrfamilienhäuser gleichfalls über allgemeine Möglichkeiten der Einsparung zugunsten der Umwelt aufklären. Denn am Ende geht es um das Klimaziel und nicht alleine um immer schärfere Vorschriften, die zähneknirschend umgesetzt werden müssen.

Von |2018-01-18T13:46:20+00:007. Januar 2016|Stadtperspektiven|0 Kommentare

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