Auf den Dächern von Berlin – Mit Wolkenkratzern, Dachbebauung und Wohnröhren gegen das Wohnungsdefizit

Im Koalitionsvertrag hat die neue Bundesregierung ambitionierte Ziele in der Wohnungspolitik vereinbart – im Kern: Neubau gegen Wohnungsmangel und steigende Miet- und Kaufpreise. Dabei stößt die praktische Handhabe mit schleppenden Vergabeverfahren für öffentliche Bauvorhaben und die zögerliche Bereitstellung ungenutzter Grundstücke der öffentlichen Hand besonders auf. Doch Wohnraum lässt sich nicht nur in der Horizontale schaffen. Neben klassischer Nachverdichtung durch Schließung von Baulücken und Hofbebauung werfen z.B. eingeschossige Flachbauten zurecht die Frage auf: Ist da noch Platz nach oben?

HOCH HINAUS. Anfang Januar wurde bekannt, dass der Bezirk Mitte die Baugenehmigung für den „Capital Tower“ am Alexanderplatz erteilt hat. Ein Projekt großstädtischer Superlative: ein Hochhaus mit 29 Stockwerken auf stolzen 150 m Höhe soll entstehen. Baubeginn ist noch in diesem Jahr geplant, Fertigstellung im Spätsommer 2021. Damit kommt endlich Bewegung in die Umsetzung des Masterplans für das ehemalige Zentrum-Ost, der seit einem städtebaulichen Ideenwettbewerb 1993 vorliegt und die Weiterentwicklung der existierenden urbanen Struktur unter Einbezug bestehender Architektur durch zehn neue, 150 m hohe Wohn- und Bürotürme vorsieht. Neben sechs Stockwerken für gewerbliche Nutzung, soll der nun genehmigte Tower dem Berliner Himmel 377 neue Wohnungen (zwischen 30 und 250 qm) abtrotzen und wird damit den Vorstellungen der Berliner Senatsverwaltung gerecht, die sich „eine stärkere urbane Mischung von Arbeiten, Wohnen und kerngebietstypischen Nutzungen“ wünscht. Nicht nur aufgrund des starken Eingriffs in die bestehende Substanz läuft die Umsetzung des Masterplans zögerlich – die Planung des „Hines-Hochhauses“ wird durch Probleme mit der darunter verlaufenden U-Bahn blockiert.

STÄDTEBAULICHE GRENZEN. Jenseits innerstädtischer Zentrumslagen wie Zoologischer Garten, Friedrichstraße und Potsdamer Platz, in denen seit den 00er-Jahren mit moderner Hochhausarchitektur aufgestockt wurde, ist das historisch gewachsene Berlin eine flache Stadt. Nur vereinzelt finden sich Hochhausbauten wie die berühmt-berüchtigten 25-Geschosser in Typenbauweise, die im Berliner Osten luftige Höhen von ca. 75 m erreichen. Lange geschmäht, erfreuen sie sich heute in Anbetracht einer unaufhörlich wachsenden Stadt und Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten wieder zunehmender Beliebtheit – sicher auch, da man von ihren Terrassen und Balkonen einen einmaligen Weitblick über die Stadt genießt. Doch Berlin wird mit seinem hohem Altbaubestand auf absehbare Zeit eine flache Stadt bleiben. Dies regeln Bau- und Flächennutzungspläne, das Baugesetzbuch und Gestaltungssatzungen. Diese Regelwerke setzten für Neubauten z.B. Vorgaben zu Baugrenzen wie Abstandsflächen und Traufhöhen oder sogar über die Verwendung von Farben und Materialien bei der Gestaltung. Dabei spielt nicht nur der Brandschutz eine wichtige Rolle, sondern auch das städtische Erscheinungsbild. So muss sich ein Neubau besonders in innerstädtischen Lagen am Bestand orientieren und sich harmonisch einfügen. Für die Hochhausneubauten am Alexanderplatz gilt z.B. das „ParkInn“ als Orientierung, dessen 150 m (mit Dachaufbauten und Antenne) den Höhenmaßstab setzen. Neubauten und Sanierungsobjekte in Altbauvierteln begegnen diesem Problem oft durch den Ausbau des Dachgeschosses als vollwertiges Wohngeschoss, sodass 5-geschossige Ergänzungsbauten mit Penthouse und Aufdachterrasse kein so seltenes Highlight mehr sind.

ENTGRENZUNG. Aber es gibt auch alternative Wege der Himmelserstürmung wie den 2010 fertiggestellten „Hegemonie-Tempel“ im Wedding. Auf 150 qm Flachdach einer ehemaligen Gewerbeimmobilie entstand hier ein Haus auf dem Haus. Durch Aus- und Umbauten wurde ein Gewächshaus mit 90 qm Grundfläche zum Wohnkonzept mit 135 qm Wohnfläche und 60 qm Dachterrasse, das sich vor allem durch variable Raumnutzung und einen fließenden Übergang zwischen Drinnen und Draußen auszeichnet. Das individuelle Projekt hat unfraglich experimentellen Charakter und ist nicht beliebig wiederholbar: Bauherren brauchen Glück, Geduld und fachmännische Unterstützung. Und selbst bei optimaler Ausgangslage wurde das Bauvorhaben zu einer Nervenprobe mit 14-monatigem Ämtermarathon bis zur Baugenehmigung – Stichworte: Bebauungsplan, Abstandsflächen, Traufhöhe, Brandwand.

Doch auch wenn dieses spezielle Bauvorhaben noch wenig geeignet scheint, in Serie zu gehen: bereits seit einigen Jahren arbeiten auch Berliner Start-Ups an vergleichbaren Konzepten. Starke Impulse kommen aus der Tiny-House-Bewegung und prägen die Ideen: Micro-Häuser aus nachhaltigen Materialien mit innovativen Raumnutzungskonzepten, die sich unkompliziert auf Bestandsbauten aufsetzen lassen. Sollte der Kampf um die Genehmigungsfähigkeit ein Ende finden, könnten derartige Ideen tatsächlich bei der Lösung des Wohnraumproblems helfen – Berlins Dächer bieten Platz für ca. 50.000 neue Wohnungen, besonders geeignet: Parkhäuser, Industriegebäude und Plattenbauten.

Dass nach oben noch Platz und die großzügige Raumnutzung in der Innenstadt durch eingeschossige Gewerbeimmobilien nicht mehr zeitgemäß ist, haben auch Supermarktketten erkannt. Zwar verkündete Aldi Nord Ende Januar den Einstig in den Berliner Wohnungsmarkt mit dem Bau von mehr als 2.000 Wohnungen an mindestens 30 Standorten durch Überbauung von Supermarkt-Flachbauten, doch die Idee ist nicht neu. So wurden 2017 Bauanträge für die Überbauung eines Rewe- sowie eines Edeka-Supermarktes in Berlin-Prenzlauer Berg gestellt. Im selben Jahr und Bezirk eröffnete Lidl im Anschluss an das erfolgreiche Projekt in der Bornholmer Straße eine Filiale mit kompletter Wohnungsüberbauung in der Prenzlauer Allee und prüft weitere Grundstück auf eine Eignung für Wohnüberbauung.

Doch egal ob klassische Nachverdichtung durch Lückenschluss, Hofbebauung, Aufstockung oder innovative Wohnkonzepte: die Schaffung von mehr Wohnraum ist nicht nur eine bauliche, sondern auch eine stadtplanerische Herausforderung. Mit der Bevölkerungszahl und Architektur muss auch die Infrastruktur wachsen – Was hält die Stadt aus? Zudem spitzen Megacities mit Mini- oder gar Micro-Apartments die Wohnraumproblematik auf eine ebenso konsequente wie aktuelle Frage zu: wieviel Raum braucht der Mensch zum Leben und Wohnen?

 

Interessanter Weise liegen kritische Kunst und gar nicht ironische Lösungskonzepte bei der Suche nach Antworten manchmal bemerkenswert nah bei einander.

Hiwa K., „When We Were Exhaling Images“, documenta14

Von |2018-05-11T20:37:28+00:0011. Mai 2018|Stadtperspektiven|0 Kommentare

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